Donnerstag, 1. Oktober 2009

Liebesbrief, lang

Kleines Elbenmädchen, 6 Monate alt bist Du gestern geworden. Zeit für eine Liebeserklärung.

Ja, ich bin verliebt, jeden Tag ein bisschen mehr. Es ist eine Verliebtheit, die Ringe unter die Augen macht vom Schlafmangel und von der Sorge, dass Dir was passieren könnte. Aber auch eine, die macht, dass mein Herz sehr viel größer und weiter geworden ist. Es muss außerdem eine Art Überlaufventil bekommen haben, so eines wie in der Badewanne, wenn die zu voll ist und man einsteigt... dann kommt so ein schlurfendes Geräusch, und es läuft Wasser raus.

Das passiert mir auch ständig, seit Du da bist. Immer noch. Nur läuft es bei mir aus den Augenwinkeln und ruiniert mir jedes Mal die Wimperntusche. Aber das ist gut so, sonst würde mein Herz einfach irgendwann platzen vor Glück, wenn ich Dir beim Schlafen zusehe oder Du laut lachst. Manchmal, wenn ich Dich abends ins Bett gebracht habe, wenn Du friedlich getrunken und Dich beim LaLeLu Singen an meine Schulter gekuschelt hast, mit ganz müden Äuglein, wenn ich dann neben Dir liege und noch ein paar Momente Deinen ruhigen Atemzügen lausche, bevor ich rausgehe - dann überrollen mich das Glück und die Liebe und die Dankbarkeit wie eine riesige Meereswelle, die von den Zehenspitzen an über meinen ganzen Körper hinwegbrandet und mir Gänsehaut macht und, na klar, aus den Augenwinkeln wieder herausläuft. I

Wie machst Du das? Du machst doch eigentlich gar nicht viel.

Schlafen tust Du, aber dabei siehst Du eben so niedlich und friedlich aus, dass es nie langweilig wird, Dir dabei zuzusehen.

Erzählen tust Du, manchmal klingt es wie „Bla bla bla“, dann muss ich sehr über Dich lachen.

Schimpfen tust Du, zum Teil so entrüstet, dass man ebenfalls darüber lachen muss.

Essen tust Du neuerdings, und in den Stolz (60 Gramm Möhrenbrei!) mischt sich ein bisschen Wehmut meinerseits, weils der Anfang vom Abschied ist und es irgendwann keine Rolle mehr spielt, ob ich mittags da bin.

Trinken tust Du, mittlerweile sehr friedlich, nachdem wir am Anfang oft ganz schön gekämpft haben. Dafür ist es jetzt umso schöner, und es macht mir nullkommanix aus, für Dich auf Alkohol, Linsensuppe und andere Drogen zu verzichten.

Schmusen tust Du, und wenn Du im Bondolino müde wirst und den Kopf an meine Brust legst, um einzuschlafen, muss ich eine Hand um Dein Köpfchen legen und Deine Haare küssen, das geht gar nicht anders.

Baden tust Du, inzwischen auch sehr gerne. Du strampelst im Wasser wie ein kleiner Frosch, und Deine Haare sind so lang, dass sie beim Waschen um Deinen Kopf schweben wie bei einer kleinen Meerjungfrau. Du bist überhaupt das wunderschönste Wesen der Welt, da gibt es gar kein Vertun.

Es macht Spaß, zu beobachten, wie Du Dich veränderst. Aber Du veränderst Dich nicht nur. Du veränderst auch mich. Statt in die Damenabteilung schleiche ich mich bei H&M grundsätzlich zuerst in die Kinderabteilung. Es macht mehr Freude, Dir was zu kaufen. Meine T-Shirts sieht man eh meist nicht, weil Du ja davorhängst. Im Bondolino. Oder in der Manduca, unserer neusten Tragehilfe. Für sowas gebe ich jetzt Geld aus. Und beschließe, dass neue Winterstiefel für mich eh überbewertet sind. Weil die, die mir gefallen, alle kein Profil haben, und das geht nicht, also krame ich meine Doc Martens diesen Winter wieder raus, die sind nicht schön, aber sicherer, wenn ich mit Dir vor der Brust über nasses Laub oder gefrorenen Schnee laufe. Und das habe ich vor! Es gibt nämlich nix Schöneres, als mit Dir durch die Natur zu laufen. Um in den Park zu kommen, müssen wir erst durch die Straßen, und an jeder für mich grünen Fußgängerampel schaue ich trotzdem erst nach links und rechts, ob wirklich kein Auto kommt. Schließlich trage ich das Wertvollste der Welt über die Straße.

Ich könnte ewig so weiterschreiben. Ich bin keine komplett andere Person geworden durch Dich. Aber es ist, als hätte meine Persönlichkeit ein paar mehr Räume bekommen, zu denen Du die Türen aufgeschlossen hast. Ich bin nicht am Ende oder am Ziel angekommen, aber die Suche nach dem Sinn ist leiser geworden in mir, weil Du so viel davon stiftest, durch Deine bloße Existenz. Ich habe mich nicht selbst aufgegeben, aber ich bin einen großen Schritt zurückgetreten und habe festgestellt, dass vieles, von dem ich dachte, es sei wichtig, es in Wirklichkeit gar nicht ist. Und für all das, Tochter, bin ich Dir jetzt schon auf ewig dankbar.

denn da alle liebenden
innerlich immer noch kind
und da die, die reinen herzens handeln
unsere größten helden sind
rett ich die welt
mit deiner liebe in mir
denn ich bin für dich da
nein, ich bin wegen dir hier
da dir die fähigkeit
zu lieben geblieben ist
und die kraft zu vergeben
ein bestandteil deines Lebens ist
wurde ich erweckt
und was tief in mir schlief
führt nun feder
und schreibt dir diesen liebesbrief 


aus: thomas d., liebesbrief

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wow was für eine schöne Liebeserklärung!
Ja sie sind unsere kleinen Engelchen...

LG, unbekannterweise, Verena

4Piepers hat gesagt…

Oh wie schön...
Ich bin gerührt und kann Dich soooo gut verstehen. Mir fällt dazu das Lied von Rolf Zuckowski ein - dass hat mein Papa mir mal auf KASSETTE aufgenommen und in mein erstes Auto gelegt.


OHNE DICH

Ohne dich würd ich im Winter keinen Schneemann baun
und ich käm nicht drauf, die Sesamstraße anzuschaun.
Ohne dich käm hier der Osterhase nie mehr vorbei
und dem Weihnachtsmann wär'n wir längst einerlei.
Ohne dich würd ich im Keller nie Gespenster sehn
und bestimmt nicht als Pirat zum Kinderfasching gehn.
Ohne dich gäb's keine Räuberhöhle im Kleiderschrank.
Ohne dich wär ich ein andrer Mensch,
doch es gibt dich, Gott sei Dank.
Denn ohne dich hätt ich im Leben
nicht mal halb so viel gelacht
und über manche Fragen vielleicht niemals nachgedacht.
Ohne dich wär'n viele Tage
einfach so vorbeigerauscht,
auch wenn nicht nur die Sonne schien,
ich hätte nie getauscht.
Ohne dich hätt ich die Schlittschuh auf den Müll getan
und womöglich hätt ich heut noch keine Eisenbahn.
Ohne dich würd ich im Herbst den Drachen nicht steigen sehn
und gewiss beim ersten Schnee nicht rodeln gehn.
Ohne dich käm mir kein Hamster und kein Frosch ins Haus
und erst recht kein Igel und auch keine weiße Maus.
Ohne dich wär ich am Monatsende nicht ganz so blank.
Ohne dich wär ich ein andrer Mensch,
doch es gibt dich, Gott sei dank.
Denn ohne dich hätt ich im Leben ...
Ohne dich wüsst ich noch heute nichts von deiner Zärtlichkeit,
wenn's auch Kummer gab, mir tut nicht eine Stunde leid.
Ohne dich hätt ich im Leben nie erfahren, wie es ist,
mit dir zu fühlen, dass du glücklich bist.
Mit dir zu fühlen, dass du glücklich bist.


Ich freu mich so auf Euch!

Manuela hat gesagt…

wow - all die Zeilen empfinde ich jetzt schon für mein hoffentlich bald kommendes Wunschkind ...

Deine kleine Karla kann sich wirklich glücklich schätzen - und auch du!

So eine schöne Liebeserklärung!