Dienstag, 22. September 2009

Fallbeispiel

Um eine ganz neue Dimension von Angst kennenzulernen, braucht es gar nicht viel. Es reichen ein paar achtlos abgestellte Puschen vorm Bett, wenn man das Kind gerade in selbiges verfrachten möchte. Es folgt ein Fall in gefühlter Zeitlupe und mehreren Strauchel-Etappen, bei dem man nicht viel denkt, dafür umso mehr fühlt. Pure Panik vor allem. Und danach (ziemlich lange danach erst, allerdings) unglaubliche Erleichterung, dass man mit dem Schrecken davongekommen ist und es geschafft hat, sich intuitiv so zu drehen und abzufangen, dass man zwar ein blaues Knie hat, dem Baby aber nichts geschehen ist.

"Passiert." sagt tröstend der Kindsvater, nachdem er geholfen hat, das vor Schreck brüllende Kind erst fachmännisch am Kopf zu befühlen und dann zu beruhigen. Und dann die Mama in den Arm genommen hat, damit sie aufhört zu zittern.

Ja. Passiert. Alle, die schon länger als ich Mutter sind, werden mir das bestätigen. Die Welt ist voll von Dingen, die eigentlich keiner braucht. Fängt bei Puschen vorm Bett an, geht über steile Treppen, scharfe Kanten, Hochbetten, Schulwege mit Straßenverkehr. Und endet bei Zeitungsmeldungen, die man als Mutter noch einen Tick schlechter wegsteckt – endet bei Menschen, die neunjährige Mädchen in Gullys stecken.

"Gut!" antworte ich strahlend, wenn mich Leute momentan fragen, wie es uns so geht mit dem kleinen Elbenmädchen. Aber das stimmt nicht immer. Denn zu dem Berg an Glück und Liebe, den man zu so einem kleinen Menschlein dazubekommt, bekommt man leider auch die Täler. Angst und Sorge erreichen eine Qualität, dass man sich fragt, wie man das dauerhaft auf die Kette kriegt. Was fängt man damit an? Gewöhnt man sich daran?

Mein Herz schmilzt dahin, wenn meine Tochter mich anlacht. Wenn erst nur ein ganz bisschen ihre Nase zuckt, dann der Schnuller mit einem "Plop" aus dem Gesicht fällt, ihre blauen Augen mich anstrahlen und ihr ganzes Gesicht aufleuchtet. Die Vorstellung, dass ihr irgendwas zustoßen könnte, jemals... nee. Nicht tragbar, der Gedanke.

Aber einsperren? Die Fläche ums Bett mit Schaumstoff auspolstern, wenn sie anfängt, darauf zu hopsen? Ihr einen Chip mit GPS-Peilsender in den Nacken transplantieren, sobald sie alleine draußen herumläuft? Wohl alles keine Lösung. Und keine Garantie. Das beweisen die an sich harmlosen Puschen in der falschen Position vorm Bett. Also leben lernen damit. Und bitten und beten und hoffen...

Ich geh jetzt und leg mich neben das kleine Mädchen, um ihm beim Atmen zuzuhören und mich zu freuen, dass es da und gesund ist. Und freue mich über Tipps und Tricks der mitlesenden Mütter zum Thema Angstbewältigung. Die Puschen stehen im Flur.

Gute Nacht.

3 Kommentare:

Unknown hat gesagt…

Die beste Therapie ist das Leben - und der Grund warum uns Gott die Männer an die Seite gestellt hat - dass sie so herrlich distanziert (so zum kotzen realistisch) uns ein wenig selber wieder in Distanz setzen können...

Nach 11jähriger Erprobungsphase (Beispiel letzten Samstag) kann ich dir sagen, dass es dann ausreicht "nur" zweimal übers Handy die Kinder anzurufen, wenn diese zum ersten Mal alleine von einem Fest zusammen mit dem Bus nach Hause fahren (obwohl die Große das täglich bewältigt) - mit scheißnassen Händen im Geiste den Busplan durchzugehen und errechnen, wann spätestens man die Schuhe anziehen muss (kurzer Blick ... ah da stehen sie...)um kreischend den Block abzugrasen und Gullideckel anzuheben...

Gedankenspiele, die man unterlässt irgendjemandem zu sagen - vor allem den männlichen Geschöpfen namens Papa neben einem...

Mut ist, auch mal gehen zu lassen!
(Tränen-weg-wisch-Programm läuft demnächst automatisch HIER für dich!!!)

Drück dich...

Andrea hat gesagt…

Die Angst ist immer mit einem.
Mal mehr und mal weniger. Angst....wenn das Fieber in ungeahnte Höhen steigt. Angst...wenn Kindchen auf dem Sofa herumtollt und herunterzufallen droht. Angst...an einer vielbefahrenen Straße entlangzugehen mit einem kleinem Wirbelwind. Aber so sehr wir auch versuchen unsere Schätze zu beschützen...irgendwo tut sich eine neue ungeahnte "Gefahr" auf. Und später, wenn sie endlich groß sind...die Angst bleibt. Oder warum sagen unsere Mütter auch heute noch zu uns: "Fahr vorsichtig mein Kind! Und ruf an wenn Du zuhause bist."
Ist wohl die Art Angst mit der man zu leben lernt und die uns nie losläßt.
LG Andrea

E lla hat gesagt…

Seufz. Da müssen wir wohl alle durch und ich glaube das geht nie nie nie so ganz weg.

Ein bisl weniger wird es oder sollte ich sagen anders, sobald sie größer/älter/radiuswerweiterungsfähig sind.
Vorher können Mama, Papa, Omas und Opas, Tanten und Onkel(s?) halten, beschützen...und das geht dann auf deren "Konto". Aber irgendwann...da werden sie flügge...Mama kann eben nicht immer alles regeln, beschützen, retten...auch eine Erfahrung die wir machen müssen und die Kinder auch.

Anders, jep.

Wir mussten uns umstellen, dank einer unzuverlässigen Schule am Popo der Welt, da bleiben die Kinder halt mal länger oder so. Herzinfakt div. Mütter inklusive.

Da hilft dann nur darauf bauen das das Kind zuverlässig ist, wenn es 3 Stunden früher Schluss hat, aber der Bus kommt äh kam nicht.

Ich bin nun wahrlich keine Gluckenmama, aber so manche Erfahrung hätte ich mir gerne erspart und sich damit auseinander setzen zu müssen, das hier Menschen rumfahren die Kinder versuchen in ihr Auto zu zerren und ein Kind zu haben das glaubt das diskutieren da hilft...seufz.
Da hilft dann nur ein klares Regelwerk und manchmal auch die grausame Wahrheit...und kein herumeiern.

Und wenn ich die Gullideckelzeilen von Sandra lese, ich war genau an dem Tag in dieser Stadt um musste riesige Umwege fahren und wusste nicht warum und in meinem Blog war eigentlich eine Aufnahme von einem Gullideckel geplant...das ging dann ja mal gar nicht...ich könnte gerade heulen, weil das so tief geht.

Sorgen wird es immer geben und Sicher ist nix im Leben. Das ist leider so. Aber einige Dinge sind händelbar oder sollte ich besser sagen auf ein mindestrisiko zu begrenzen.

Das das Kind, wenn es ausdrücklich eine Ansage bekommt, trotzdem hinter dem Vater steht der gerade mit der Schüppe Schnee schippt...

oder Mutter vergisst das Fenster zu schließen...

oder stolpert und die Rolltreppe ruterfällt inkl. Kind auf dem Arm...

oder hat ein Messer unter dem Hals, weil es jemanden nicht passt das sie mit Kind bahn fährt...

oder oder oder...manchmal kann ich gut mit all den Sorgen leben und manchmal muss ich einfach mal weinen weil das sooooooo übervoll in meinem Herzen ist. Gestern abend erst, vor Sorge, Frust, Wut, Hilflosigkeit...

und dann wird halt geweint und das Herzl erleichtert und wehe jemand bietet mir ein Taschentuch an, meine Tränen müssen gesehen werden. Karamba.

War keine gute Nacht, seufz.

Es wird anders, meine Liebe...anders.

Busl
Ella, Busfahrpläne sind aufjedenfall der Renner hier ;)