Freitag, 3. September 2010

Genießen in vollen Zügen

Manchmal frage ich mich, warum ich ihn so sehnsüchtig erwartet habe: Den Moment, wo das Hobbitmädchen endlich richtig läuft. Seit sie das tut, ist nämlich alles irgendwie ein bisschen anstrengender geworden. Zugfahren zum Beispiel. Konnte ich sie zu Krabbelzeiten meist noch überreden, die 60 Minuten von Düsseldorf ins Ruhrgebiet oder zurück auf dem Sitz neben mir zu sitzen/stehen/hopsen, hat sie jetzt schon nach 10 Minuten die Nase voll davon.

Ach, was erzähl ich. Fängt ja auf dem Bahnsteig schon an. So wie heute Abend auf dem Rückweg von Herne nach Düsseldorf. Ein sehr schöner, für Karla sehr aufregender Tag mit Hunde- und Kinderbespassung vom Feinsten, einem großen Stück Apfelkuchen UND Eis. Leider auch mit nur einer statt zwei Stunden Mittagsschlaf und einem entsprechenden Müdigkeitsgrad & Nervenkostüm.

Am Bahnsteig in Herne will das Kind - laufen. Natürlich. Ich klaube sie also aus dem Buggy, und weg ist sie. In einem Affentempo den Bahnsteig runter, stehenbleiben, Zigarettenkippen begutachten, einem Penner mit Bierflasche auf der Bank ein fröhliches "ALLO!" zurufen (doch, Herne ist super, wirklich, total schön da!). Ich flitze hinterher, beglückwünsche mich zu der Schnapsidee, das Kind hier laufen zu lassen, und bemühe mich, gleichzeitig das sich der Bahnsteigkante nähernde Kind und den zurückgelassenen Buggy (samt Wickeltasche mit Wertsachen - nicht, dass ich Herne irgendwie... siehe oben) im Auge zu behalten. Dann kommt die Bahn, ich schnappe mir die Hobbitze und gehe zum Buggy. Zumindest versuche ich das, während sich 11,5 Kilo Lebendgewicht (Haare nicht mitgerechnet) in meinem Arm in ein fluchendes kleines Rumpelstilzchen verwandeln.

Karla will runter. Es ist ihr egal, ob da grad die Bahn kommt oder in Indien ein Sack Reis umfällt. Ich schaffe es, Kind und Buggy heil in die Bahn zu bugsieren und warte, bis die Türen sich geschlossen haben. Dann lasse ich sie wieder laufen und halte sie an der Kapuze. Während sie fröhlich durch den Mittelgang stapft, ziehe ich den Buggy hinter mir her und fahre jedem zweiten Mitreisenden über die Füße oder ramme Ellenbogen. Es ist mir wurscht. Ich will nur einen Platz, wo ich den Buggy abstellen und das Kind bändigen kann. Währenddessen legt der Zug sich in die erste Kurve, Karla kullert fast gegen die Sitze. Also schnappe ich sie mir wieder ... und geschätzt 105 Augenpaare richten sich auf uns. Karla erreicht locker 80 Dezibel. Sie brüllt wie am Spieß, zappelt und schlägt um sich. Ich steuere zwei freie Sitze an und versuche, mich mit ihr hinzusetzen. Karla strampelt noch mehr, wird einen Ton schriller und 10 Dezibel lauter. Auf den Gesichtern der Leute auf den zwei gegenüberliegenden Sitzen spiegelt sich ob der nur knapp an ihrer Nase vorbeifliegenden Elefanten Lauflernschühchen Größe 21 nackte Angst. Also wieder aufstehen, mittlerweile hat Mutti die Nase ziemlich voll. Ab in den Buggy, da kann sie dann schreien, wie sie will, kann aber zumindest nicht weg. Denke ich.

Allein - ein Kind mit Wutanfall in einen Buggy zu bekommen, ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Monatelanges Üben zahlt sich jetzt aus: Karla hat das "Brett" perfektioniert und macht die Körpermitte so steif, dass nicht daran zu denken ist, sie in den Buggy zu setzen. Während ich das wider besseren Wissens trotzdem versuche, dreht Karla bis zum Anschlag auf. Jetzt sind es nicht nur Augenpaare, sondern ganze Köpfe, die sich verdrehen - in unsere Richtung. Dazu die ersten gemurmelten Kommentare. Ein netter junger Mann - vielleicht selber Papa? - lächelt verständnisvoll und hält den Buggy fest, während ich immer noch versuche, das schreiende und um sich tretende Bündel hineinzuverfrachten. Keine Chance. Karla bleibt hart. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich gebe auf und schleiche mich wieder zu den Sitzen. 5 Minuten tobt Karla auf meinem Schoß weiter, dann beruhigt sie sich. Endlich. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, wünsche mir zum 100. Mal ein eigenes Auto und halte das Hobbitkind ganz fest im Arm. Muttersein, das habe ich inzwischen begriffen, bringt eine Menge Ambivalenz mit sich. Das größte Glück und die größte Angst, im Allgemeinen. Totales Genervtsein und Mitleid, im Speziellen. Denn obwohl es mir mächtig auf den Sack geht, wenn Karla trotzt und wütet: Ein Teil von mir möchte sie immer genau das machen lassen, was sie will. Weil ich sie lieber glücklich strahlend sehe als hochrot und tränenverschmiert. Dummerweise kann man nicht immer nach dem handeln, was man möchte. Nur - das muss das Hobbitmädchen erst noch lernen...

2 Kommentare:

Unknown hat gesagt…

Herrje du ARME!
Vielleicht doch Zuckerschock? Aber ich kann nix dazu - ich muss das Kind vertüddeln... - ich seh schon, wir sehen uns doch nicht öfter *seufz*

Wenn es dich beruhigt: Schreiattacken auf der Fußgängerzone, weil Kind nicht ins Cafe will, wo Mama schon sitzt (erst als die Traube an Menschen drum rum das Kind zu Poizei bringen wollten - du armes Ding, hast die Mama verloren), bin ich dazu gegangen und habe erklärt, dass sie Erdnüsse einpacken können, die Mutter wäre da, aber das Kind eben trotzig!
Oder Brett-Schrei-Trommel-Attacken mit vollen Einkaufstüten, einem weiteren Baby im KiWa und Tornado über der Schulter... - Schweißausbrüche, Mama-sein-ist-scheiße-Gefühl inbegriffen.... - es ist immer das selbe...

Was sagte letztens der Jugendamtbeamte im Gespräch mit einer Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs: Ihr Nachbar beschwert sich, Kinder sind laut dreckig und verbreiten Chaos? Stimmt! Genau das sind Kinder! Gesunde Kinder!!!

Marion hat gesagt…

Auch wenn es für Dich ein anstrengender Heimweg war - ich mußte grinsen. Quer übers ganze Gesicht! Wie immer, wenn ich feststelle, daß es anderen genauso geht:-))
Aber ich kann Dir sagen, nachdem mein fünfter Schreizwerg gerade aus diesem Alter rauswächst, denke ich schon mit Wehmut daran, daß dieses Kapitel nun auch zu Ende geht.
Also: Kopf hoch, Blick hoch, und jeder der da meckert oder dumme Sprüche macht hat einfach nur vergessen, daß er selbst mal ein zappelnder kleiner Hobbit war - hoffentlich!
LG, Marion